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Rückblick und Ausblick - Die ersten zwei Monate in Obertürkheim

Friederike Weltzien4 k13110wRückblick und Ausblick

Die ersten zwei Monate in Obertürkheim -

eine kleine Zwischenbilanz von Pfarrerin Weltzien

Am frühen Morgen mache ich mich auf, es ist als ob der Weinberg ruft, unser Hündchen springt freudig voran. So gehe ich fast jeden Morgen auf Entdeckungstour, probiere immer neue Wege, manchmal verlaufe ich mich oder schätze die Entfernungen völlig falsch ein, aber ich komme immer begeistert wieder zurück. So erschließt sich mir Schritt für Schritt unser neuer Lebensort.

Das hört sich ganz gemächlich und entspannend an, ist es auch, aber das Gemeindeleben hat sich für mich nicht gemächlich und Schritt für Schritt entfaltet. Im Rückblick kommt mir eher das Bild von einem Strudel, der mich ergriffen hat, so dass ich gewaltig rudern muss, um an Land zu kommen. Ich konnte nicht langsam hineinwachsen in die Gemeindearbeit, von Gruppe zu Gruppe wandern und Menschen besuchen, um mir ein Bild zu machen von der Situation der Gemeinde. Gemeinde ist so nicht und funktioniert auch nicht so. Ich bin mitten hinein gesprungen. Da ruft man mich ins Haus am Weinberg, wegen einem Sterbefall. Ich besuche diese Einrichtung und bin beeindruckt von der Atmosphäre im Haus, überall ergeben sich Gespräche, am Aufzug und auf den Fluren. Da ist viel Not und Traurigkeit, wenn ich die Einzelschicksale bedenke, aber auch etwas Getrostes. Menschen, die gelernt haben, ihr schweres Schicksal anzunehmen und die nun füreinander da sein können. Daneben liegt direkt die Auschule, eine Förderschule, an der ich Religionsunterricht erteile. Ich beginne mit Schülern der Grundstufe, demnächst beginnt das Projekt für die Hauptstufe in dem wir Kirchen und Moscheen und die Synagoge besuchen werden, um das große Thema Toleranz zwischen den Religionen zu vermitteln. In dieser Schule hat jedes Kind seine eigene schwierige Geschichte und den Einzelnen in ihrer Problematik gerecht zu werden ist kaum möglich. Meine Hochachtung vor der Leistung dieser Lehrer dort ist groß! Auf dem Rückweg spaziere ich über den Friedhof und an der Petruskirche vorbei, die für mich bisher noch verschlossen geblieben ist. Wegen der Renovierungsarbeiten ist das Innere der Kirche unter dicken Plastikplanen verpackt. Ich bin gespannt, wie sich das gottesdienstliche Leben darin entfalten wird.

Meine Erfahrungen mit der Andreaskirche sind vielschichtig wie das ganze Gebäude, in dem ich erst langsam anfange, mich zurecht zu finden. Da ist dieser Außenbereich, die Treppe unter dem Glasdach, die von Jugendlichen gern genutzt wird. Sie sitzen da und spielen auf ihren Telefonen, sie essen und trinken und rauchen, bestimmt reden sie auch manchmal. Leider hinterlassen sie immer wieder ihre Spuren. „Schade, dass wir als Kirche ihnen nicht einen solchen Ort bieten können“ ist mein erster Impuls, als wir im Kirchengemeinderat darüber nachdenken, denn ihr hinterlassener Müll ist ein Ärgernis. Einen Ort, wo sie sich in Ruhe und auch in einer würdigen Atmosphäre treffen könnten und sich willkommen fühlen dürften…. Vielleicht würde eine Bank unter dem Dächle und ein Mülleimer schon etwas bewirken? Überhaupt der Außenbereich der Andreaskirche… meine Phantasie sieht blühende Büsche, kleine Wege, ein Brünnlein, Sitzgelegenheiten…. Am Anfang darf man doch träumen…?

Der Luthersaal scheint sehr begehrt zu sein. Frau Ruf, die Gemeindesekretärin, hat ständig mit Vermietungen zu tun. Türkische Verlobungsfeiern oder Hochzeiten, aber auch die goldene Konfirmation oder Ehejubiläen. Spannende Möglichkeiten für eine Gemeinde, wenn sie die Kontakte nutzen könnte und über die Vermietungen hinaus das Zusammenleben der verschiedenen Kulturen und Religionen hier in Obertürkheim mitgestalten könnte! Schön habe ich erlebt, wie der Luthersaal nach den großen Gottesdiensten von der Gemeinde belebt wird, aus Anlass meiner Investitur oder zum Erntedankfest, liebevoll geschmückt. Auch den großzügigen Gottesdiensttraum in der Andreaskirche, der sich so variabel gestalten lässt, erlebe ich als einladend. Ich war erstaunt und erfreut darüber wie sich der große Raum zu den Gottesdiensten füllt und trotz der räumlichen Entfernung Nähe entsteht zwischen Pfarrerin und Gemeinde.

Der anfangs erwähnte Strudel hat mich erfasst in den Nebenräumen. Die Sitzungen vom Kirchengemeinderat und vom Wahlausschuss mit der Aufgabe der Kirchenwahl und der Kandidatensuche für den Kirchengemeinderat, Entscheidungen zu treffen, deren Tragweite ich noch gar nicht überblicken kann. Dort stieß ich auf die Interessen unterschiedlicher Gruppen in der Gemeinde, die fast parallel zueinander bestehen und sich schnell zu einem Gegeneinander oder Gegenüber entwickeln können, als ob es nicht um das große Ganze einer Gemeinde ginge. Ich lernte die Kantorei als einen sehr eigenständigen Bereich der Gemeindearbeit kennen. Staunend erlebe die gut durchdachte und geordnete Struktur dieses großen Chores, gerne singe ich mit im Alt. Verwundert frage ich mich, warum spüre ich so wenig von der großen Aufmerksamkeit für die Nachtschichtgottesdienste in der Andreaskirche, die ja weit über Obertürkheim hinaus bekannt sind und geschätzt werden. Warum wirkt sich das nicht mehr aus auf die Lebendigkeit des Gemeindelebens? Warum wird das, was in der Jugend und Konfirmandenarbeit passiert so wenig wahrgenommen? Auch der Krankenpflegeförderverein hat sein Eigenleben entfaltet. Und wo bringen sich die Senioren mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung ins Gemeindeleben ein? Da entgehen der Gemeinde wichtige Impulse, die es zu nutzen gilt. Auch für unsere drei neuen Kirchenmusiker hoffe ich, dass wir lernen ihre unterschiedlichen Bereiche gut zu koordinieren.

Ich bin in diesen ersten zwei Monaten in einen Strudel eingetaucht und möchte dieses Bild sehr gerne wieder verändern. Denn für eine Gemeinde braucht es eine lebendige Mitte, einen Ruhepol, von dem Kraft und Zuversicht ausgeht. Wichtig ist mir, dass alle die so unterschiedlichen Aktivitäten in der Gemeinde hinzielen auf die gemeinsame Mitte und nicht in Konkurrenz zueinander auseinanderdriften. Der ruhende Pol, kann aber nicht die Person einer Pfarrerin oder eines Pfarrers sein, sondern der kann nur entstehen und wachsen, wenn sich alle Gruppen der Gemeinde einem gemeinsamen Geist verpflichtet fühlen. Bei allen Einführungen in den vergangenen Monaten wurde aus dem 1. Kor. 12 zitiert:

„ 1.Kor 12,13: Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft... daraus folgt Vers 26: Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.“

Ich freue mich auf das Zusammenwachsen!

Ihre

Friederike Weltzien

 

Letzte Änderung amDienstag, 03 Mai 2016 16:40